Der Reim der Rosenwasserhexe

The Brigmore Witches

[Auszug aus einem Almanach über Volksweisen und Aberglauben in Gristol]

Bisher haben wir in diesem Almanach viele banale und einfältige, alles in allem also eher harmlose Geschichten, behandelt, doch nun werden wir uns jener besonderen Gattung von Volksweisen zuwenden, die eindeutig einen niederträchtigen und bösartigen Charakter innehaben. Die abscheulichste dieser Geschichten ist möglicherweise "Der Reim von der Rosenwasserhexe". Verschiedene Versionen dieses unseligen Gedichts scheinen sogar aus der Zeit vor der Gründung von Dunwall zu stammen, obgleich uns sein eigentlicher Ursprung verborgen bleibt. Was seinen Inhalt und seine Bedeutung angeht, so sehen manche darin eine Geschichte über die Rache einer Mutter an ihrer eigenen Tochter. Andere sehen darin eine Art Anrufung irgendeines alten Geistes aus dem Nichts. In jedem Fall wird das Gedicht von einem grauenerregenden Ritual begleitet, das vielerorts als eine einfache Methode angesehen wird, um Streit zwischen zwei Parteien, von denen die eine die andere der Lüge bezichtigt, aus dem Weg zu räumen. Der Ablauf gestaltet sich folgendermaßen:

Erstens, wer auf die Probe gestellt wird, muss ein stehendes Gewässer finden und dessen Oberfläche mit Rosenblättern bedecken. Sobald die Rosenblätter das Wasser vollständig bedecken, müssen die Augen fest geschlossen und beide Hände zwischen den Rosenblättern hindurch ins Wasser gehalten werden. Danach müssen die folgenden Zeilen rezitiert werden:

DIE ROSENWASSERHEXE

Blätter, Blätter auf dem Wasser
Sagt mir, sagt mir, wo ist eure Tochter?

Ist sie ertrunken unterm Zeichen?
Musste sie im Dunkeln weichen?

Blätter, Blätter auf dem Wasser
Sagt mir, sagt mir, wo ist eure Tochter?

An der Quelle, wen traf sie da?
Ein Geheimnis das niemand sah?

Blätter, Blätter, auf dem Wasser
Sagt mir, sagt mir, bin ich es etwa?

Anschließend muss die betreffende Person sich über das Wasser beugen und den Kopf mit dem Gesicht voran zwischen den Rosenblättern hindurch vollständig ins Wasser tauchen, bis drei zählen und dann die Augen aufmachen. In diesem Moment, so heißt es, erscheine die Rosenwasserhexe. Wer ohne Fehl und Tadel ist, der wird nichts sehen und lediglich ihre sanfte Berührung am Nacken spüren. Doch wessen Herz falsch und verdorben ist, der bekommt die grässliche Rosenwasserhexe zu Gesicht, ein Wesen von unbeschreiblicher Hässlichkeit. Dann ertränkt die Hexe denjenigen mit einer Schnur aus Dornenranken im Wasser.

Während der Orden solche Dinge sehr ernst nimmt, halten die meisten Behörden diese Sage für abergläubischen Unsinn. Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass jedes Jahr mindestens ein halbes Dutzend junge Frauen tot und mit blau angelaufenem Gesicht aufgefunden werden – der Hals eingeschnitten und zerkratzt wie von einem Kragen aus Dornen.

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