[Auszug aus einem Aufseherbericht über okkulte Schwarzmarktartefakte]
Vize-Aufseher Mellios,
auf meinen Reisen in Serkonos, was sich selbstverständlich in Ihrem Zuständigkeitsbereich befindet, bin ich auf etwas gestoßen, das Ihrer Aufmerksamkeit bedarf. Meine Brüder und ich benutzten den Weg über Land von Cullero nach Karnaca und eskortierten zwei unserer Schwestern vom Orden des Orakels, wie Sie es uns vor mehreren Monaten aufgetragen hatten. (Entschuldigen Sie vielmals die Verspätung. Oberaufseher Campbell ist ein vielbeschäftigter Mann, wie Sie sicherlich verstehen, von höherer Bedeutung in unserem Kampf gegen den Outsider.)
Auf halbem Weg nach Karnaca machte unsere Karawane halt in einer Stadt an einem See. Dort erfuhren wir, dass vor Kurzem ein Mann ermordet worden war. Zunächst sahen wir noch keinen Grund einzuschreiten, bis wir zufällig hörten, was er in seinem Besitz hatte: rote Kerzen, bei denen wir davon ausgehen, dass sie unter Beimischung von Ochsenblut hergestellt wurden, einige Haarbüschel sowie ein Gemälde, das über seinem Küchentisch hing und ein kleines Mädchen zeigte, das zwei trockene Blätter bei sich trug. Ich brauche einem Mann mit Ihrer Weisheit sicher nicht zu sagen, dass diese Dinge unsere Aufmerksamkeit erregten. Aber es gab noch weitere Hinweise am Tatort, die uns weitaus mehr beunruhigten.
Die sorgsam eingerichteten Zimmer des Opfers befanden sich im obersten Stockwerk, von wo aus man auf den See hinunterblicken konnte. Er war ein nicht ganz unbeschlagener Händler gewesen und wie wir herausfanden, ist es unbestritten, dass er mit ketzerischen Gegenständen gehandelt und versucht hatte, einen okkulten Anhänger aus Walknochen zu erwerben. Was diesen Fall so besonders macht, ist die Tatsache, dass der Mann nicht versucht hatte, irgendwelche Knochenschnitzereien von Seeleuten aus längst vergangenen Tagen zu kaufen. Hier hat jemand – ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft – die Herstellung eines neuen Artefakts mit einer bestimmten Absicht in Auftrag gegeben.
Soweit wir wissen, versuchte der Anbieter dieses Artefakts, den Anhänger aus den Resten älterer Walknochenanhänger herzustellen. Vize-Aufseher, wir sind davon überzeugt, dass dieses neue Artefakt auf irgendeine Weise beschädigt war, was zu dem Streit zwischen Käufer und Verkäufer führte und schließlich in der Ermordung des Käufers gipfelte. Soweit wir herausgefunden haben, besaß das Artefakt eine gewisse okkulte Kraft, aber diese Kraft schien ihren Preis zu haben und wirkte sich auf den Träger in mehrerlei Hinsicht ungewollt nachteilig aus. Ob die für die Herstellung des Artefakts verantwortliche Person – möglicherweise war es auch ein Kult – ihn so haben wollte oder ob ihre Fähigkeiten eventuell nicht ausreichten, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Dieser Vorfall hat jedoch eine Ähnlichkeit mit anderen Vorfällen auf verschiedenen Inseln. Da unsere verwöhnte Generation inzwischen toleranter gegenüber Ketzerei geworden ist und sogar so weit geht, sich an reißerischen Abenteuergeschichten über Hexerei zu vergnügen, sind dies die Konsequenzen: Mittlerweile versuchen selbst diejenigen, die keine wirkliche Verbindung zum Nichts haben, ihre eigenen abstoßenden Rituale und Talismane auszuspinnen. Solche verderbten Knochenartefakte und gebrochenen Runen könnten sogar noch gefährlicher sein als die ursprünglichen Artefakte, so unmöglich das auch erscheinen mag.
Da ich nun nach Dunwall reisen muss, um meinen nächsten Auftrag zu empfangen, überlasse ich hiermit Ihren fähigen Händen alle weiteren Schritte. Allerdings habe ich Kopien dieses Briefs an mehreren Außenposten auf dem Weg nach Karnaca hinterlassen und darum gebeten, dass jeder, der dem Orden gegenüber loyal ist und diese Worte liest, sie für unsere Brüder und für jene, über die sie wachen, kopiert – wenn sie über die Zeit und Mittel verfügen. Der Händler ist tot, aber jene, die dieses verderbte Artefakt erschaffen haben, machen noch immer unser Land unsicher. Unsere Sorgen sind nicht unbegründet, wie manche vielleicht behaupten, sondern spiegeln eine äußerst reale Bedrohung wider. Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass diese Angelegenheit für jeden von Belang ist, der das Böse des Nichts von unserem Land fernhalten will.
Aufseher Angus Duncan
Außenposten Fraeport, Morley